Über das Zugfahren

Performance by Sébastien Rück ©

Dieser Text entstand während einer Zugfahrt im Oktober 2018.

Die Schweiz ist eine Pendlernation. In den letzten Jahrzehnten ist die Zahl derer, die von ihrem Wohnsitz zu ihrem Arbeitsort pendeln explodiert. Auf gewissen Zugstrecken, wie z.B. zwischen Bern und Zürich hat das Zugfahren seinen Charme verloren. Das grässliche Mittelland ist abwechslungsweise Industrieland und Flickenteppich von Einfamilienhäusern. Manch einem wäre es lieber, diese Stunde anders zu verbringen, ja sogar ein durchgehender Tunnel wäre vorstellbar. Hauptsache der Zug kann so schnell wie möglich durchfahren.

Anders gestaltet sich die Fahrt im Intercity-Neigezug 5 von Zürich nach Neuchâtel. Ich bin diese Strecke von September bis Mitte November täglich gependelt. Es ist wahrscheinlich eine der letzten Strecken, die im Intercity noch etwas von der früheren Grandeur des Zugfahrens hat. Sobald man Zürich, Aarau, ja vielleicht auch Olten hinter sich gelassen hat, zieht die malerische Landschaft entlang des Jurasüdfusses den Blick nach draussen. Der Zug neigt sich gemächlich nach rechts und links und schlängelt sich an Solothurn vorbei. Zwei Mal überquert er die Aare: Einmal in Olten und einmal in Solothurn. Und beide Male wird dem aufmerksamen Zugfahrer dabei ein Blick über die Altstadt gewährt. 

Seit ich ein GA habe spiele ich mit dem Gedanken den Schweizer ÖV aufzugeben. Seit ich ein GA habe kann ich es aber auch nicht mehr sein lassen fast täglich Zug zu fahren. Erstmals habe ich 2009 eins gelöst. Damals zahlten das noch meine Eltern. Das häufige Zugfahren war für mich noch etwas fremd und es graute mir richtig vor der sonntäglichen Fahrt nach Zürich. Meistens nahm ich den Zug nach dem Abendessen so gegen 20:30 Uhr. Bei uns hat das Abendessen am Sonntag Tradition. Meisten gab es da das beste Essen der Woche: Geschnitzeltes und feinen Marktsalat. Fürs Kochen war mein Vater zuständig. Für mich, als ältester Sohn, war es immer schwer danach gleich abzureisen und meine Familie so am Tisch zurückzulassen. Zürich war nur der Ort, an dem ich studierte und zwischen dem Haus meiner Eltern in Fribourg und der WG in Schwamendingen lagen knapp zwei Stunden.

Diese Zeiten sind vorbei. Nach meinem Bachelor, den ich mit einem zweijährigen Aufenthalt in Berlin abschloss, war ich nicht unglücklich den Schweizer ÖV wiederzufinden. In Berlin hat die S-Bahn regelmässig gestreikt und die Ringbahn, mit der ich zur FU pendelte war immer ein Erlebnis. Entweder wurde man von einem Penner oder einem psychotischen Postpartygänger oder was weiss ich dumm angemotzt oder man begegnete irgendeiner technischen Störung: Im Winter ungeheizte Waggons oder Lichtausfälle. 

Nein dagegen sind die Schweizer Züge noch heilig. Natürlich sind wir hierzulande Weltmeister darin, den Dreck unter den Tisch zu kehren. Man denke an die vielen Personenunfälle… Diese sogenannten Personenunfälle sind ja oft nichts anderes als Suizide. Menschen, die sich in einer verzweifelten Lage befinden und keinen anderen Ausweg sehen, als sich vor den Zug zu stürzen. Jedenfalls stelle ich mir das oft so vor, wenn die Meldung im Zug ertönt. Es ist eine makabre Vorstellung. Die Schweiz, Pendlernation, kompetitivste Industrienation der Welt, tiefe Arbeitslosenquote und dann das. Ich erinnere mich an ein Gedicht von Erich Kästner. Ich glaube das kam sogar in meiner Maturaprüfung, Schriftlich Deutsch, vor. Es hiess glaube ich, «Wir sitzen alle im gleichen Zug» und handelte von den Deutschen im NS-Regime. Es hat mich nachhaltig geprägt. Das Bild einer Nation, die im Zug sitzt, egal, was mit ihrer Politik gerade geschieht, alle sitzen im gleichen Zug. Für die Schweiz liesse sich heute anfügen: Wir sitzen alle im selben Zug und überfahren die, die nicht mitmachen wollen. Schreckliche Vorstellung.

Doch lassen wir diese morbiden Gedanken. Im Zug kann es auch einfach schön sein. In der Schweiz sind die Schaffner, hier nennt man sie Kondukteure – im Welschland Kontrolleure – immer freundlich. Ich habe nur wenig schlechte Erfahrungen gemacht, etwa als Teenie, wo ich einmal auf der Fahrt ins Tessin zwischen Luzern und Arth Goldau unerlaubterweise meine Beine auf den gegenüberliegenden Sitz ausgestreckt habe und vom Kontrolleur ermahnt wurde. 

Seit ich wieder in Zürich lebe, ist der Hauptbahnhof mein Startpunkt. Der Zürcher Hauptbahnhof, ja der einzige Bahnhof in der Schweiz, der es verdient Hauptbahnhof zu heissen, ist eine Welt für sich. Im «Le Monde» ist diese Woche eine Reportage über den Busterminal von Tel Aviv zu lesen. Da war ich auch mal und ich glaube der Busterminal von Tel Aviv und der Zürcher HB liegen an den zwei Extremen der Chaos-Ordnung Skala. Obwohl auch der Zürcher HB seine Tücken hat. Seit kurzem ist der hintere Bahnhofszugang fertig: Die Passage zwischen Europaallee und Sihlquai. Ich nenne sie «Zweitklassbahnhof», weil man von dort direkt auf Höhe der zweiten Klasse einsteigen kann. Die Erstklasswägen erreicht man am besten von der Bahnhofshalle, denn sie liegen meist am Kopfende des Zugs. Die Bezeichnung ist jedoch ein wenig irreführend, denn zweite Klasse in der Schweiz wäre in vielen anderen Ländern First Class.

Vom Hauptbahnhof bin ich während dem Masterstudium einmal die Woche nach Lausanne gependelt. Da war der Tiefbahnhof Löwenstrasse, also die Gleise 31, 32, 33, 34, mit der vergoldeten Decke gerade fertiggebaut worden. Nach Lausanne bin ich meist mit dem heute sogenannten Intercity 1 gefahren. Das ist die Paradestrecke: Zürich HB – Bern (HB) – Fribourg/Freiburg – Lausanne. Und in Lausanne ging es dann in die M2 bis Lausanne Flon und dann in die M1 bis UNIL Dorigny. Meist kamen Elâ und ich verspätet an. Entweder war der Zug verspätet – ja das kommt auch in der Schweiz vor! – oder die Metro war vollgestopft und wir mussten die nächste nehmen. Die Fahrt in die Westschweiz ist immer ein Erlebnis. Spätestens nach Bern, obwohl ich Bern manchmal auch zur Westschweiz dazuzähle, lässt man die geordnete Schweiz hinter sich. Ab Fribourg kommt endlich wieder die Landschaft ins Blickfeld. Die grünen Hügel des Glarnerbezirks um Romont herum bis zum See. Leider wurden auch dort zu viele Villen gebaut. Höhepunkt der Fahrt ist natürlich der Moment, wo der Zug aus einem Tunnel fährt und plötzlich der majestätische Genfersee zu sehen ist. An sonnigen Tagen leuchten die Reben golden im Morgenlicht. Aber auch an nebligen Tagen büsst er nichts an seiner Schönheit ein und stimmt den Passagier lémancholique.

Nach dem Studium, die Arbeit. Eine der ersten Pendelstrecken nach dem Master, der mich für Blockseminare auch nach Lugano führte, war eine kleine innerstädtische Strecke mein täglich Brot. Nämlich vom HB nach Zürich Binz, wo ich schon beim ersten Mal in der Buchmann Bäckerei landete – best Sandwichs in town!

Die Strecke HB-Binz ist eine besondere Strecke. Erstmals muss man das Gleis 22 finden. Die S-Bahn, die nach Binz führt, gehört zur SZU, der Sihltal Zürich Uetliberg Bahn, die im HB ihren eigenen Bahnhof hat. Diese S-Bahn ist für Schweizer Verhätnisse ähnlich veraltet wie z.B. die alten BLS-Züge zwischen Neuchâtel und Bern. Wie dem auch sei: Hauptsache der Zug fährt und kommt pünktlich an. Alles andere sind Wohlstandssorgen. Für mich war diese SZU-Fahrt selten angenehm. Vielleicht auch weil der Job schwer war. Videojournalismus, so wie ich ihn kennengelernt habe, ist eher physische als geistige Arbeit. Man schleppt Kamera und Stativ durch die Weltgeschichte, muss unter hohem Zeitdruck arbeiten und hat wenig kreative Gestaltungsmöglichkeiten. Ich fand die Arbeit frustrierend, weil man keine Zeit hat, ein Thema gründlich zu recherchieren. Die Videos müssen kurz und knackig sein, um beispielsweise während einer Pendlerfahrt zwischen zwei Anrufen konsumierbar zu sein. 

Als ich das erste Mal in Zürich Binz ankam, fielen mir vor allem die orthodoxen Juden mit ihren grossen Pelzhüten auf. Die Mädchen tragen lange Röcke und fahren mit dem trottinettezur Schule. In der Binz präsentiert sich Zürich von einer ganz anderen Seite als auf dem Zürichberg, wo ich wohne. Dort wimmelt es von Leben. Nicht die Verkehrsordnung, sondern der Rücksichtnahme ist das oberste Gebot für das Zusammenleben. Jedenfalls wurde mir das beim Autofahren in der Binz erstmals richtig klar: Es ist eng, Fahrräder haben wenig Platz und auch die Busse müssen durch. Auf dem Zürichberg geht es gesitteter zu und her. Die Umgangsweisen sind meist bürgerlich, das heisst eher unterkühlt, distanziert. In der Binz wird man hingegen schnell persönlich. Da reibt man sich noch aneinander. Irritation als Motor des Zusammenlebens? Ich finde die Idee reizend und ich glaube die Zürichbergler könnten sich von den Binzlern einiges abschauen… Natürlich war ich nie unglücklich darüber, am Abend in mein friedliches, ja idyllisches Quartier zurückzukehren, wo man nur selten die Tram, geschweige denn die Autos hört und im Takt des Glockenläutens lebt: Vom 6 oder 7 Uhr Läuten bis zum Abendläuten. Unsere Strasse ist sehr grün und riecht zu jeder Jahreszeit anders. Leider kann ich Gerüche schlecht benennen. Jedenfalls hat der Nachhauseweg am Zürichberg immer auch eine olfaktorische Dimension.

Die Zeit drängt. Ich bin schon bald in Biel und von Biel nach Neuchâtel dauert es knapp eine Viertelstunde. Diese Viertelstunde verbringe ich meist damit aus dem Fenster zu blicken. Wenn der Zug nicht zu voll ist, setze ich mich auf der Seeseite und geniesse die Fahrt entlang des Bieler- und dann des Neuenburgersees. Gerade ertönt eine Durchsage. Der Zug hat drei Minuten Verspätung. Verkraftbar.

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