Filme lesen

Ich bin auf dasselbe Gymnasium wie meine Eltern gegangen. Gymnasium ist das deutsche Wort. Wir sprachen immer von “collège”. 

In Fribourg haben die Kollegien sowie die Universität einen kirchlichen Ursprung. In der Schweiz kann man nur in Freiburg im Üchtland katholische Theologie an der Universität studieren. Die Stadt, die deswegen auch zahlreiche Kloster beherbergt, galt lange als kleines Rom der Schweiz.

Zur Zeit meiner Eltern lehrten noch Nonnen am Kollegium Heilig Kreuz. Damals waren die deutschsprachigen Klassen gemischt. Der französischsprachige Unterricht fand hingegen ausschliesslich für Schülerinnen statt. 

So wie meine Mutter hatte ich Französisch bei Monsieur Voélin, einem Dichter, der sich als Exilfranzose in der Schweiz verstand. Pierre Voélin war ein strenger Lehrer. Sobald er das Klassenzimmer betrat mussten wir aufstehen und “Bonjour Monsieur” sagen. Bei ihm galt eine spezielle Norm beim Notizpapier. Das Papier musste 5mm-Häuschen haben und wir mussten jeweils ein paar Seiten vor dem Unterricht mit einer Spalte auf der linken Seite (10 Häuschen vom Seitenrand) und einer Titelleiste (ca. 5 Häuschen vom oberen Seitenrand) vorbereiten. So entstand in der Ecke oben rechts ein Rechteck, in welchem wir Datum, Fach und Lehrperson notierten. Die Methode mag auf Anhieb altmodisch erscheinen. Dennoch habe ich sie später auch für andere Fächer übernommen.

Monsieur Voélin verschenkte keine guten Noten. Um bei ihm Bestnote zu bekommen, musste man sich selber übertreffen. Er war der Ansicht, dass man erst dann schreiben konnte, wenn man richtig lesen gelernt hatte. 

Lesen hiess bei Voélin nicht eine Seite von oben nach unten überfliegen, nein. Zum Lesen bedurfte man eines gespitzten Bleistifts (Kugelschreiber und Marker waren strengstens verboten, denn sie zerstören den Text) und eines Lineals zum Unterstreichen. Bei ihm lernten wir die Textanalyse in mehreren Schritten. Dabei galt es je nach Textsorte (Erzählung, “texte argumentatif”, Gedicht) die verschiedenen Elemente zu identifizieren, um sie besser besser beschreiben zu können. Lesen kam einer Kunst gleich, die darin bestand die Wörter fein säuberlich zu sezieren, da wo nötig nachzuschlagen, und ihre Verbindungen zu analysieren. So konnten in einem Gedicht ganze Wortfelder erkannt werden. Die galt es nach einem Motiv oder Thema zu benennen, wie zum Beispiel das Wortfeld des Todes, dem das Adjektiv morbid oder das Substantiv Sensenmann zuzuordnen sind.

Der Film besteht nicht nur aus Worten. Diese kommen zwar auch vor, als Titel oder auch im Dialog, doch sind sie von zweitrangiger Bedeutung im “Text” des Films. 

Man kann die Analysemittel des geschriebenen Textes jedoch aufgreifen, um das Bild besser zu verstehen. So gibt es auch im Film Argumentationen, also kausale Verbindungen zwischen Einstellungen oder Szenen. Auch im Film erkennt man Motive. Diese sind jedoch visuell, also beispielsweise ganz bestimmte Farbtöne, expressionistische Schatten, Beleuchtungskonzepte, wie das 3-point-lighting, die auf bestimmte Epochen der Filmgeschichte, auf bestimmte Filmstile verweisen.

In Anlehnung an die Lehren von Pierre Voélin möchte ich also aufzeigen, dass auch das Lesen eines Films eine bestimmte Strenge erfordert. Ein Film kann ganz unterschiedlich gesichtet werden. Viele von uns werden schon Mal einen Film im Bett auf einem Laptop geschaut haben. Das kann man ab und zu tun, dem “Werk” wird man so jedoch in den seltensten Fällen gerecht. Im Bett kann man sich höchstens von einer leichten Hollywoodproduktion berieseln lassen. Da darf man auch jederzeit einschlafen, das heisst die Lektüre abrupt beenden. Das ist keine gute Visionierungssituation für einen Film, dessen Lektürelänge, anders als die eines Buches, gegeben ist. Volle Konzentration erreicht man nur, wenn man einen Film aufrecht sitzend auf einem Bildschirm oder gegen eine Wand projiziert, meinetwegen zuhause, idealerweise jedoch in einem guten Kino schaut.

P.S: Gestern habe ich im Riffraff einen wunderbaren koreanischen Film gesehen: “Burning” von Lee Chang-dong, ein Thriller, der einen von Anfang an packt.

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