Generation comfy

Ich mag keine Generationentheorien. Hab auch nie verstanden, wie man Generationen streng auseinander hält. Oft überschneiden sich die Generationen und wenn die Kluft zwischen alt und jung zu gross wird, dann müssen Generationenverträge her: AHV etc.

Mit 31 Jahren kann ich auf ein Jahrzehnt Erklärungsversuche zurückblicken. Von Generation Y war die Rede. Die Generation der Verwöhnten. Die Generation der tausend Möglichkeiten und der Unentschlossenen. Manchmal nannte man sie auch Generation Maybe. Diese Beschreibungsversuche haben nicht geholfen, wenn man in seinen Zwanzigern mit sich selber und seinen “Entscheidungen” zu kämpfen hatte. Ich weiss noch, als ich im Bachelor war, standen wir als Studierende wirklich vor einem Haufen Fächer und X Kombinationen, die oftmals nur in der Verbindung mit den grossen Fächern Wirtschaft, Recht eine lukrative Zukunft versprachen.

Ich und viele andere haben uns für die Kunst entschieden. Anfang Dreissig stehen wir oft noch zwischen Bank und Stuhl. Hin und her gerissen zwischen der brotlosen Kultur, den verblassenden Träumen unserer Studienzeit und der neoliberalen Realität. Ich bin kein Linksverteidiger und auch kein Freund der Rechten oder der neuen Identitären, wie sie in Österreich heissen. Ich mag keine Nazis. Das Wort mag irritieren, aber ich hab da meine eigene Auffassung der Geschichte, die man sich stets wieder vor Augen führen muss. Die Gegenwart mit der Brille der Vergangenheit lesen ist jedoch nicht in jeder Hinsicht hilfreich.

Ja, denn wo stehen wir nun? Wir die damalige Generation Y. Was ist aus uns geworden? Wie heisst eigentlich die jetzige Generation an heranwachsenden Twens? Generation k, wie konservativ? Generation TikTok?

Ich kann nur aus meiner Warte sprechen und denke, dass ich jetzt doch weniger Generation Y bin als erwartet. Natürlich ist vieles eingetroffen, was uns prophezeit wurde. Wenn man zu verwöhnt aufwächst, hat man die Qual der Wahl. Und der begegnete ich nicht nur bei der Wahl des Studienfachs, sondern auch der Liebesform und natürlich des Wohnorts. Frau oder Mann? Homoehe? Kinderwunsch? Gross- oder Kleinstadt? Schweiz oder EU? Wo sich einreihen?

Seien wir mal ehrlich. Wir wollten oft anders sein als unsere Eltern. Jede Generation will das. Sie muss sich von der vorigen abheben. Sich durch neue Ideale, neue Vorstellungen des Normalen definieren. Ich denke, wenn wir doch vieles von unseren Eltern übernommen haben, so ist in unseren Zwanzigern, doch die Akzeptanz für LGBTQI-Lebensweisen gewachsen und die Religion in den meisten europäischen Gesellschaften definitiv in den Hintergrund gerückt.

Harry Potter als Identifikationsfigur

Ich habe irgendwo gelesen, dass es ein Buch gibt, das viele Menschen verbindet. Nicht die Bibel meine ich, sondern Harry Potter. Leser der Bücher von J.K. Rowling sollen sogar eine Community von weltoffenen Menschen bilden, die gewisse Werte teilen. Das mag etwas weit hergeholt erscheinen. Ich bin kein Experte der Populärkultur, aber während dem Lockdown habe ich ein paar der Verfilmungen geschaut und keine grossen Zeichen von Weltoffenheit darin gefunden. Natürlich sind Harry und seine Freunde abenteuerlustig, Hermine unglaublich fleissig und Luna extrem strange und es kommen Menschen aus den verschiedensten Erdteilen zusammen. Harrys Freunde sind alle mutig. Sie kämpfen alle gegen den “Dark Lord”, dessen Namen nicht ausgesprochen werden darf. Vor allem im zweitletzten Band/Film ringt Harry mit sich selber. Er versteht allmählich die Verbindung zwischen ihm und Voldemort und interessiert sich für verbotene Zaubersprüche. Das ist natürlich auch auf unsere Realität zu beziehen und den kranken Ideologien, die auf unserem Planet grassieren. Doch man kann die dunklen Kräfte auch mit den Viren in Zusammenhang bringen. Seit ein paar Monaten hält uns ein bestimmter Virus in Atem. Der Planet ist von einem Erreger bedroht. Tausende Menschen sterben und die einzige Möglichkeit, die wir gefunden haben, um uns nicht anzustecken, ist die Isolation. Diese hat jedoch psychologische und wirtschaftliche Konsequenzen, die teils verheerend sind. Menschen in gewissen Weltregionen hungern wegen dem Lockdown, während die meisten von uns sich ein gemütliches Home Office eingerichtet haben und die wöchentliche Pizza nach Hause bestellen.

Globale Lebensentwürfe

Generation Y hat ihren Traum des “Nichtstun” und dabei Geld verdienen beinahe erreicht (das bedingungslose Grundeinkommen ist noch keine Realität). Natürlich sehen sich zur Zeit viele Lebensentwürfe, vor allem die globalen, also die modernen Nomaden oder die Fernbeziehungen, in ihrer Existenz bedroht. Wie soll die Zukunft dieser Menschen aussehen, wenn keine Flieger fliegen? Wie soll man denn über Zoom Kinder zeugen? Alles ein bisschen utopisch. Kontaktlos kann niemand leben. Da sind alle digitalen “Lösungen” unzureichend. Wir brauchen Berührung. Koste es uns das Leben. Bildschirme können uns auf Dauer nicht vor unserem Bedürfnis nach Nähe zu Familie und Freunden schützen. Auf ihnen flimmern die Filme der Vergangenheit. Die Filme der Generation Y, der Generation, die dachte, alle Möglichkeiten zu haben und sich in Europa und weiten Teilen der USA in einem noch nie dagewesenen Luxus und vermeintlich “ewigen” Frieden wähnte. Nun ist die Erde am beben. Und zwar nicht die Erdplatten, nein, die Gemüter sind erhitzt. Es kommt zu Gewalterruptionen hier und diesseits des Atlantiks. Nicht nur gegen Schwarze, sondern auch gegen Juden und andere Minderheiten. Überall entlädt sich eine Frustration, wie sie das letzte Mal nach der grossen Wirtschaftskrise der Zwischenkriegszeit zum Vorschein kam. Ein Sündenbock muss her! Covid-19? Irgendwie ist ein Virus kein einfacher Sündenbock. Er ist zu klein, zu unsichtbar, doch er bringt die sozialen Ungleichheiten zum Vorschein. Wie viel mehr ist das Leben eines Westlers wert, als das eines Afrikaners? Wie hoch sind die Überlebenschancen eines Afroamerikaners im Vergleich zu einem straight white male? Wie viel sind grosse Industriestaaten bereit auszugeben bzw. nicht zu “wachsen”, um ihre Bevölkerung zu schützen? Wie viel Wert hat die Gesundheit einer Bevölkerung? Bei uns scheint sie oberste Priorität zu haben. Natürlich. Wir wollen ja weiterhin in unseren Wohnungen leben und uns Netflix reinziehen, Essen und Sex nach Hause bestellen und ab und zu eine Runde im nächstgelegenen Park oder Wald spazieren gehen.

Generation Y weicht einer Generation Comfy, die sehr unsympathisch wirkt. Sie kämpft nicht wie die früheren auf der Strasse (ein paar Ausnahmen gibt es schon), doch die Mehrheit bleibt hinterm Bildschirm hocken, unterschreibt Petitionen gegen das Bäumefällen und für die Begrünung unserer Städte. Tu Gutes und rede darüber! Bio ist ganz wichtig und natürlich die Natur. Möglichst viele Sprachen sprechen und Ressourcen schonen. Das sind die Hauptanliegen der Generation Comfy. Für ihre neuen Überzeugungen kämpft sie vom Wohnzimmer aus und wenn einem die Decke auf den Kopf fällt, dann gibt es ja die Möglichkeit um 21 Uhr aus dem Fenster oder vom Balkon aus zu klatschen oder zu jubeln: Hurra, wir haben den Tag überlebt! Hurra, das Gesundheitspersonal arbeitet Tag und Nacht! Hurra…. wieso klatsch ich eigentlich?

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