«The White Lotus» by Mike White

Nicht jeden Tag stösst man beim Zappen auf eine Serie wie diese. Oft muss man lang durch den Netflix-Dschungel scrollen, um sich dann mit einer zweitklassigen Serie zufrieden zu geben. An dieser Stelle sei der SRG gedankt, die an jenem Montagabend im Dezember die zweite Staffel auf dem Westschweizer Kanal RTS 2 ausgestrahlt hat und mich dazu bewogen hat, ein Sky-Testabo abzuschliessen, um Staffel 1 und 2 zu verschlingen (auf Englisch: to binge-watch).

White, der Regisseur, ist auch der Name der weissen Lotusblüte, die einer luxuriösen Hotelkette ihren Namen gibt. Die Standorte der Hotels sind somit auch Schauplätze der jeweiligen Staffeln: Hawaii in der ersten und Sizilien in der zweiten. White lädt uns zu einem audiovisuellen Schlemmen an exklusiven und weltbekannten Badeorten ein, die auf Hawaii mit Natur, hohen Wellen, Ureinwohner-Shows, reich bedeckten Frühstücksbuffets und in Sizilien mit italienischer Ess- und Lebenskultur sowie altehrwürdigen Palazzis trumpfen – im Hintergrund natürlich – während vor dieser prachtvollen Kulisse, Figuren aus Fleisch, Knochen und Silikon mit wertvollem Schmuck umgehängt und in edlen Stoffen drapiert gute Miene zum bösen Spiel geben.

Denn das Hawaiianische Luxus-Resort mag noch so bequem eingerichtet sein, was die Familie um Tech-Power-Frau und Mutter Nicole Moosbacher zusammenhält, sind in Staffel eins ein paar exorbitant teure Armreifen, ein Wiedergutmachungsgeschenk ihres fremdgehenden Ehemanns, die im Safe darauf warten, als McGuffin, also handlungstreibendes Objekt, Verwendung zu finden.

Doch die Armreifen sind nur die Spitze vom Eisberg an Vorzügen und Priviligien, die diese weisse Familie geniesst. In den Augen Paulas, College-Freundin der experimentierfreudigen Olivia, ist alles an der Mossbacher-Familie verwerflich. Wenn sie nicht aus einer Bong kiffen, pumpen sich die zwei Freundinnen mit Literatur von grossen Intellektuellen voll zu Themen wie Kolonialisierung, Unterdrückung der Afroamerikaner etc., was für Gesprächsstoff am Tisch sorgt. Wäre während eines Drogenrausches am Strand nicht die höchstverwirrte und deprimierte Tanya McQuod-(Hunt) aufgetaucht, um die jungen Frauen mit Komplimenten über ihre reine und schöne Haut zu übersähen, hätte Paula auch nicht ihre grüne Drogentasche verloren, die später im Büro von Hotelmanager Armond landet und aus welcher dieser sich ausgiebig bedienen wird.

Überhaupt dreht sich in der ersten Staffel alles um das Aufrechterhalten von Privilegien, die bis heute das europastämmige Establishment der USA reich macht und z.B. die afroamerikanische SPA-Angestellte Belinda Lindsay oder den hawaiianischen Tänzer und Hotelmitarbeiter zu unterbezahlter, harter Arbeit zwingt. Mike White’s Leistung ist im Drehbuch angelegt, denn die Themen, die in den Dialogen aufkommen, sind polemisch und gerade in einer augenscheinlich friedlichen Ferienatmosphäre absolute Spassbremsen. Subtil inszeniert mit verweisen auf Details des Dekors der Suites – ein Paar in den Flitterwochen möchte lieber in der Ananas-Suite verweilen, die einen privaten Pool hat als in der Palmen-Suite – ursprünglich wurde auch diese von der Schwiegermutter der frischgebackenen Ehefrau, Rachel Patton gebucht – und einem stets am Limit agierenden Hotelmanager, der auch vor Drogen und homosexuellen Übergriffen auf untergestellte Mitarbeiter nicht zurückschreckt.

Doch die mehr oder minder glücklichen Abenteuer der Familie Mossbacher (Moss-backer ausgesprochen) sind nicht das einzige, was im Resort vor sich geht. Tanya, gespielt von der mit nun zwei Emmys prämierten Jennifer Coolidge, die vordergründig den Tod ihrer schwierigen Mutter verarbeitet und deren Asche sie in einer Schatulle mit sich herumträgt, wird für einige der komischsten Szenen der ersten und zweiten Staffel sorgen. 

«Welcome in the White Lotus Sicily!»

Mit diesen Worten begrüsst Valentina, die mit dem Boot ankommende Hotelgäste in der zweiten Staffel. Diesmal geht es um zwei Paare, Cameron Sullivan und seiner blonden Sexbombe Daphne, die mit Camerons Studienfreund und nun erfolgreichem Jungunternehmer Ethan Spiller und dessen Frau Harper gemeinsam Urlaub in Europa machen. Dazu kommen noch italienischstämmiger Bert Di Grasso (F. Murray Abraham), den einige als älteren Hotelbesitzer in “The Grand Budapest Hotel” erkennen werden, sein Sohn Dominic Di Grasso und dessen Sohn Albie Di Grasso. Als einzige wieder mit an Bord ist Tanya, diesmal in Begleitung von Mr. Hunt, den sie in Hawaii kennengelernt hat und ihrer undercover Assistentin Portia.

Auch diese Staffel ist ein wahrer Augenschmaus an Meer- und Naturlandschaften, Architektur und schönen Körpern. Während sich zwischen den zwei Paaren verschiedene Intrigen abspielen und sich die Eifersucht bei den Spillers einnistet, wird Tanya von ihrem Ehemann Greg Hunt aus Arbeitsgründen zurückgelassen und freundet sich mit einem schwulen Engländer an. Der von Tom Hollander gespielte Quentin fährt mit seinen kunstliebenden französischen und italienischen Freunden in einer privaten Jacht die sizilianische Küste auf und ab und lädt Tanya nach Palermo in seinen Palazzo ein. Portia, die sich nun nicht mehr vor Greg verstecken muss, wird von Quentins Neffen, Jack, bezirzt und Albie Di Grasso, mit dem sie im Hotel angebändelt hat, tröstet sich mit der italienischen Call Girl Lucia Greco.

Diese Staffel zeichnet sich stärker als die erste durch ein Spiel mit den verschiedenen sexuellen und erotischen Lüsten aus: Es geht um Passion, Fremdgehen, Geld und das alles vor Dolce-Vita-à-l’italiana-Kulisse. 

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